Lily King – Euphoria

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Euphoria von Lily King

(ke) Auf nach Neuguinea zum Sepik-Fluss! 1933 bringt dort eine Forschungsreise die Anthropologin Margaret Mead, ihren damaligen Mann Reo Fortune und den späteren Ehemann Gregory Bateson zusammen. King lehnt ihren Roman an diese Begegnung an, erzählt aber eine eigene Geschichte, die von Nell Stone, Fen und Andrew Bankson.

Der Beginn ist düster. Die junge Amerikanerin Nell, die jüngst mit einem kontrovers aufgenommenen ethnographischen Bestseller erste Erfolge feierte, verlässt mit ihrem Mann fluchtartig einen kriegerischen Stamm, bei dem sie mehrere Wochen ihr Lager hatten. Psychisch und körperlich angeschlagen treffen sie auf den britischen Forscher Andrew Bankson, der ebenfalls am Sepik-Fluss arbeitet. Von Einsamkeit und Selbstzweifeln geplagt schlägt dieser dem Paar vor, in seiner Nähe, weiter flussaufwärts das weiblich dominierte Dorf der Tam zu erforschen. Mehrfach wird er Nell und Fen dort besuchen und es entwickelt sich eine intensive Dreiecksbeziehung, die von Kooperation und Konkurrenz angefeuert wird.

Indem King vor allem aus Banksons Perspektive erzählt, kann sie kritische Blicke auf das ethnographische Geschehen werfen: Bankson steht seiner eigenen Arbeit immer zweifelnder gegenüber. Er hinterfragt das kolonialistische Besitzdenken der Forschenden, die die Stämme unter sich aufteilen, und kritisiert das einmischende Auftreten und den Mangel an Selbstreflexion, wenn sie blind sind dafür, wie sehr sie als Forschende ihre eigenen Vorstellungen, Wünsche und Ängste auf die „Fremden“, ihren Forschungsgegenstand, projizieren. Er mokiert sich über die aufwendige Reiseausstattung des Paares (sie haben sogar Vorhänge dabei …), sieht aber mit Anerkennung, wie nahe Nell mit ihrem teilnehmenden Forschungsstil den Menschen kommt. Und es entgeht ihm nicht, dass Fen, eifersüchtig auf die Erfolge seiner Frau, sich der gemeinsamen Arbeit entzieht. Bei all dem versucht er zu ignorieren, dass er selbst sich immer mehr in Nell verliebt. Als Helen, Nells frühere Geliebte, ein wissenschaftliches Manuskript zur Korrektur schickt, steigern sich die drei in eine rauschhafte Diskussion und entwerfen eine neue ethnographische Theorie.

Doch Fen lässt die Situation kippen, indem er einen radikal eigenen Weg einschlägt und eine nicht wiedergutzumachende Tat begeht. Was folgt, ist spannend zu lesen und macht Lust, mehr über die Geschichte der Anthropologie zu erfahren.

Die in Maine (USA) lebende Autorin Lily King wurde für Euphoria mit dem hochdotierten Kirkus Prize ausgezeichnet. Die New York Times wählte ihr Werk unter die fünf besten literarischen Bücher des Jahres 2014.

(C. H. Beck 2015, 262 Seiten)

Im CID gibt es noch mehr Bücher zu Margret Mead und die ethnologische Forschung, so z. B. Meads Autobiographie: Brombeerblüten im Winter.

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