Mithu M. Sanyal – Vergewaltigung

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(ja) In ihrem neuen Buch „Vergewaltigung“ analysiert Mithu M. Sanyal den gesellschaftlichen Diskurs über Vergewaltigungen und dessen Zusammenhang mit verbleibenden und veralteten Geschlechterrollen. Die Autorin von „Vulva- Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ und „Ich bin kein Sexist, aber…“ beweist, dass kein anderes Verbrechen so geprägt ist von aktiver Männlichkeit und passiver Weiblichkeit wie Vergewaltigungen. Vom seltsamen Umgang mit sexueller Gewalt bis zum Konzept der Vergewaltigung als Raub der Ehre, Sanyals Buch beweist, dass auch heute noch, wie bereits in der Antike, im Vergewaltigungsdiskurs vom feurigen, aktiven Mann und von der passiven, frigiden Frau die Rede ist. Jahrtausendalte Vorstellungen über männliche und weibliche Geschlechterrollen werden weiterhin angewendet um inakzeptable Verbrechen zu rechtfertigen.

Sanyal zitiert den römischen Dichter Ovid: „Vielleicht wird sie zuerst dagegen ankämpfen und Unverschämter! sagen; sie wird aber im Kampf besiegt werden wollen“. Oder bringt Sätze wie: „Da Frauen vermeintlich kein eigenes sexuelles Begehren hatten, war es die Aufgabe des galanten Mannes, sie zu überwältigen“.

Es schockiert, wie wenig sich seit der Antike verändert hat. Bis in die 70er Jahre musste eine Frau, die einen Mann wegen Vergewaltigung anzeigte, beweisen können, dass sie sich nicht nur gewehrt hatte, sondern auch dass sie diesen Widerstand konstant aufrecht erhalten hatte; sie hätte ja noch später erregt werden können. Wenn eine Frau nach einiger Zeit aufhörte sich zu wehren, „so konnte der Mann davon ausgehen, dass sie doch noch einwilligte.“ Auch wenn die Gesetzgebung natürlich eindeutige Fortschritte gemacht hat, hört man auch 2017 häufig: „War sie denn betrunken?“ oder „Dann soll sie sich nicht so aufreizend anziehen!“

Eine rezente europäische Umfrage ergab alarmierende Resultate. 27% der Europäer gaben an, Sex ohne Konsens könnte in verschiedenen Fällen gerechtfertigt werden, in Luxemburg steigt diese Zahl sogar auf erschreckende 38%, was natürlich mit sich bringt, dass viele Opfer sich nicht trauen den Täter von sexueller Gewalt anzuzeigen.

Sanyal analysiert auch die typischen Opfer-Täter-Rollen. Kaum ein Artikel über die Folgen von Vergewaltigung kommt ohne Begriffe wie „Angst“, „Schuld“ und „Scham“ aus; Medien präsentieren Opfer sexueller Gewalt oft am Rande eines Zusammenbruchs. Auch fehlt das Verständnis,, das Frauen nach einer Vergewaltigung bestärken könnte. Es wird deutlich, wieviel Arbeit im Bereich von Konsens-Erziehung (?) noch zu tun ist und wie wichtig es ist, möglichst früh damit anzufangen.

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