Stark bollock naked-Eine Rückschau auf der Theaterstück

[Allemand]

Stark bollock naked

eine Performance von Larisa Faber

(is/cs) Zusammen mit der Schriftstellerin und Schauspielerin Larisa Faber hat das CID neun Künstlerinnen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen kulturellen Backgrounds beauftragt Kunstwerke für Larisa Fabers Theaterstück stark bollock naked zu schaffen. Vorausgegangen war Ende 2020 ein online Event, bei welchem über Rollen- und Platzzuschreibungen der Frau in der klassischen Kunstgeschichte diskutiert wurde. Angelehnt daran lautete die Arbeitsfrage: welche Kunstwerke würdest Du im Museum sehen wollen, damit du dein (Er-)Leben als Frau im Museum repräsentiert siehst?

Das Theaterstück wurde vom 8. bis 12. März 2022 im neimënster aufgeführt.

Eine Rückschau auf das Theaterstück

Der nackte Frauenkörper

Eine Frau (Larisa Faber) steht nackt auf der Bühne. Wo soll, wo darf man als Zuschauer*in hinschauen? Die nackte Frau löst die Spannung auf: « Schaut ruhig, es ist ja ohnehin nicht wirklich mein Körper, mein Körper gehört mir nicht. Aber viele unter euch haben doch auch einen Frauenkörper, ungefähr die halbe Menschheit hat einen. Die meisten haben schon mehrere davon gesehen. Und falls nicht: gern geschehen! » Fast alle lachen.

Ja, wo liegt eigentlich das Problem? Liegt es an dem nackten Körper? Oder liegt es an all den Projektionen und Assoziationen, die er weckt? Wem gehört mein Körper? Mir, meinem Partner, der Kirche, meiner Arbeitgeberin, der Schönheitsindustrie, dem Staat, der Gesellschaft?

Rollenbilder, Erwartungen und Projektionen

Eine zweite Frau umwickelt die nackte Frau mit Klebeband. Wird hier auf das lähmende Moment von Einengung und Restriktion verwiesen, das mit Rollenzuschreibungen und -erwartungen einhergeht? Eines dieser emotional stark besetzten Erwartungs-Themen steht im Mittelpunkt des Abends: die fiktive biologische Uhr und Mutterschaft.

Besonders in den « fruchtbaren » Jahren wird der weibliche Körper scheinbar zum Allgemeingut. Alle dürfen schauen, fragen, urteilen, maßregeln. Wann kommen die Kinder? Wann wird der Körper für das genutzt, wofür er  vorgesehen ist? Wann wird die natürliche, angeborene Gesellschaftsrolle erfüllt, die Sicherung des Fortbestehens der Menschheit?

Wie geht es mir als Frau mit diesen Rollenbildern und Erwartungen? Will ich Kinder oder denke ich nur ich will, weil ich wollen soll? Kann ich meine Meinung ändern?

Die nackte Frau bleibt nicht lange nackt. Auf ihren Körper werden Bilder projiziert: von sexy Outfits bis zu großen Werken der Kunstgeschichte – natürlich immer aus Perspektive des male gaze – also der männliche Blick auf den weiblichen Körper. Der weibliche Körper als Objekt, als Projektionsfläche, als Allgemeingut – das wird hier nicht nur im übertragenen Sinn deutlich.

In ihrem Monolog reflektiert die Frau mehrere Besuche bei ihrer Gynäkologin, bei denen diese jedes Mal an die stets schrumpfende Zahl von Eizellen und die mit dem Alter abnehmende Fruchtbarkeit erinnert. Hinzu kommen Fragen und Kommentare von Freundinnen und Bekannten.

Das sich selbst reproduzierende System

Die zweite Frau auf der Bühne (Catherine Kontz) unterlegt die Performance nicht nur mit musikalischen Elementen, anhand von gynäkologischen Instrumenten. Sie verstärkt auch die innere Stimme, das Ticken der biologischen Uhr, ist das Echo der Stimme der Gynäkolog*innen und der Bekannten, welche verhindern wollen, dass die nackte Frau sich – im übertragenen Sinne – von dem Klebeband befreit. Sie verdeutlicht, dass es im Patriarchat nicht um böse Männer gegen gute Frauen geht, sondern dass alle Menschen durch die Einverleibung von streng gegenderten Rollenbildern, Codes und Verhaltensregeln, den Status Quo ständig reproduzieren und damit aufrechterhalten.

Nach zwei Jahren, bestimmt durch äußeren und inneren Druck, wird die Protagonistin schließlich schwanger. Das Emotionale stimmt allerdings nicht mit dem Rationalen überein. Die Frau wagt es sich von den äußeren Stimmen zu lösen, sich gegen maßregelnde, sexistische Zurechtweisungen aufzulehnen und beendet die Schwangerschaft. Und trotzdem gehört ihr Körper nicht ganz ihr. Sie erfährt nicht, was genau in ihrem Körper geschieht, wie genau die abtreibenden Medikamente wirken und wird überrollt von starken Schmerzen, auf die sie nicht angemessen vorbereitet wurde. Obwohl die Frau von ihrem Recht Gebrauch macht und sich wiederholt bei den verantwortlichen Ärzt*innen nach dem genauen Ablauf der Abtreibung erkundigt, wird ihr der Informationszugang verwehrt. Sie wird weder über die genaue Prozedur informiert, noch über mögliche Konsequenzen aufgeklärt.

(Eigen-)Verantwortung?

Hätte die Protagonistin sich früher wehren können gegen die Aussagen der Gynäkologin, der Freundinnen und Bekannten, gegen die eigene innere Stimme? Welche Rolle spielt das Gehirn, das Denken und Reflektieren, aber auch die Sozialisation? Wie groß ist der Einfluss, den ich selbst auf mein Selbstbild haben kann?

Emanzipation und Sorority

Am Ende wird das Klebeband, die Fesseln, zerschnitten. Autonom und selbstbestimmt muss die Frau das Klebeband Stück für Stück selber lösen. Die Emanzipation geschieht aus eigener Motivation und mit Hilfe anderer starker Frauen, die es wagen Gegenentwürfe zu den alten patriarchalen Denk- und Darstellungsweisen zu schaffen.

Acht Bildervondiversen Künstler*innen mit verschiedenen künstlerischen und kulturellen Einflüssen werden auf die Leinwand – nicht mehr auf den Körper – projiziert. Künstler*innen, die es wagen kritisch darzustellen, welche Frauenbilder und welche Aspekte des Frauseins in der Kunstgeschichte fehlen. Die Kunstwerke thematisieren unter anderem Fehlgeburten, Solidarität unter Frauen, den Kampf der Feministinnen für Frauen- und Körperrechte, Menstruation und den Umgang damit, den Kampf gegen Stereotype und Schönheitsideale sowie die Kraft des weiblichen Körpers und seiner Zyklen.

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Larisa Faber, Autorin und Darstellerin der Performance, schafft es, Themen, die im Leben vieler Frauen schwer wiegen, mit Leichtigkeit und viel Humor darzustellen. Wir begleiten die Frau auf der Bühne bei ihrer souveränen und authentischen Veränderung: ist ihr Auftritt zu Beginn von einer gewissen Naivität durchzogen, löst sie sich Schritt für Schritt von festgefahrenen Rollenzuschreibungen und Lebensentwürfen, die sowohl durch Gynäkolog*innen als auch durch Freundinnen und Bekannte geweckt und verfestigt werden. Am Ende steht eine selbstbestimmte Person vor uns, die sich bewusst gegen stereotypische Erwartungen wehrt, sie dekonstruiert und für ihre Rechte eintritt.

Es ist eine empowernde Performance, die nicht nur zum Nachdenken, sondern vor allem viel zum Lachen anregt und eine von vielen Formen vorstellt, wie Menschen sich gegen patriarchale Unterdrückungsstrukturen wehren können: mit Kreativität und entwaffnendem Humor.

 

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