Gerlinde Sämann über das Projekt Helen Buchholtz

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Die Sopranistin schreibt über das Projekt

Severin Schweiger

Zur Person : Gerlinde Sämann, geboren in Nürnberg, studierte am Münchner Richard-Strauss- Konservatorium Klavier und Gesang. Ihr Repertoire reicht von historischen Werken über Lied und Oratorium bis hin zu Avantgarde und zeitgenössischem Musiktheater. Seit 1991 tritt die blinde Sopranistin solistisch mit verschiedensten Ensembles und Gruppen auf: mit dem Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble, dem Dresdner Kammerchor, dem Dresdner Kreuzchor, dem Rias Kammerchor, dem Mädchenchor Hannover, dem Choeur de Chambre Accentus, Arsyis Bourgogne, dem Mittelalter-Ensemble Estampie, VocaMe, Armonico Tributo Austria, der himmlischen cantorey, l’arpeggiata,  Akademie für alte Musik Berlin, La Petite Bande, sette voci, Cantus Cölln, etc.

Mit großer Intensität gestaltet Gerlinde Sämann ausgefallene Lied- und Duoprogramme sowie CD-Projekte, bei denen auch die Frauen nicht zu kurz kommen: Mit dem Ensemble Voca Me entstanden ausgezeichnete Einspielungen der Musik von Kassia und Hildegard von Bingen sowie die CD Christine de Pizan – Chansons et Ballades. Was die Künstlerin auszeichnet ist ihre flexible und feinsinnige Musikalität und Interpretation, die das Publikum in ein spezielles und ungewöhnliches Erleben vieler Klangnuancen entführt. (https://www.gerlinde-saemann.de/)

Im November 2016 lernte ich Helen Buchholtz kennen. Danielle schickte mir eine CD mit Liedern, die bereits 2003 aufgenommen wurden.1 Am Abend setzte ich mich also in mein stilles Zimmer und begann zu hören. Das erste Lied hieß O bleib bei mir. Das klingt ein bisschen wie Brahms, dachte ich und freute mich schon gleich über das warme Intro und den herrlichen Klang des Pianisten, der die Sängerin gefühlvoll begleitete. Beim weiteren Hören entdeckte ich auch eine Spur von Richard Strauss, Carl Loewe, ein Hauch Schumann, und über all diesen ersten Eindrücken, eine sehr spezielle, eigene Note der Komponistin. Manchmal ein wenig spröde, doch getragen von berührender Ehrlichkeit.

In meinem Inneren begann sich ein Bild zu formen. Ich sah eine Frau vor mir, langes Kleid, streng hochgestecktes Haar, konzentriert an ihrem Flügel arbeitend. Sie hält inne, schaut lange Minuten still aus dem großen Fenster ihres Salons. Ein plötzlicher Windstoß wirbelt Laub aus dem Garten auf. Ein Haus, von Felsen umrahmt, es steht hoch über der Stadt.

Diese Frau kennt Melancholie und Schwermut in vielen Schattierungen, dachte ich. Laut und eindringlich sind ihre Gedanken. Dies ist eine Frau, die Gefühle und Regungen aus Gedichten dieser Zeit in Kunst verwandelt. – Das gefiel mir.

So begann ich selbst mit ihren Liedern zu arbeiten, fand meinen Weg hinein in diese manchmal etwas rätselhaften Kompositionen. Bei einigen Liedern hat Helen Buchholtz mit großer Sicherheit angewandt, was sie selbst gespielt, studiert und gehört hat, vielleicht erhielt sie manches Mal auch Rat anderer Komponisten. Diese Lieder sind geprägt von dem Stil der damaligen Zeit. So gehn die Tage hin: Da fühle ich ganz deutlich Richard Strauss. Meine Mutter hat‘s gewollt: da höre ich Brahms. Und dann Rosenmär: Ja, da höre ich sogar ein bisschen Gilbert & Sullivan. Herrlich! Während Die alte Uhr oder Blauvögelein zum Beispiel unvergleichlich ihrem eigenen Stil entwachsen sind. Bei diesen Liedern braucht das Ohr etwas mehr Zeit, doch danach berühren sie das Herz eigentümlich stark.

Dann kam die Zeit des Probens. Ich hatte mich gleich für den Pianisten jener CD entschieden, die ich damals gehört hatte. Claude Weber hat mich mit seinem Klang sofort eingefangen. Wir trafen uns abwechselnd in Augsburg und Luxemburg, um in Helen Buchholtz´ Lieder einzutauchen. Es war eine tolle Zeit, mit viel Forschen, Kennenlernen, Essen und Lachen. Und so kam ich, für mich unerwartet, in den Genuss eines Crash-Kurses in ‚Lëtzebuergesch‘. Danielle und Claude waren sehr geduldig mit mir. Das Ergebnis durfte ich dann bei Ro‘ a Fridden unter Beweis stellen. Ein schönes Lied! Besonders gut gefällt mir textlich die dritte Strophe.

Gemeinsam erarbeiteten wir uns die zeitgenössischen Kompositionen, welche den Liedern von Helen Buchholtz auf dieser CD gegenüberstehen. Die vier Komponistinnen haben sehr unterschiedliche Werke für uns geschrieben. Danke, Albena, Tatsiana, Stevie und Catherine. Für mich war es eine Freude, Eure Kompositionen umzusetzen.

Eure Liedbeiträge verbinden das Damals mit dem Heute und tragen die Frauenkunst weiter in die Zukunft.

An dieser Stelle möchte ich auch Danielle Roster danken, die dieses Projekt ins Leben gerufen und mit viel Geduld und Ausdauer umgesetzt hat, sowie den Mitarbeitern des CNA, Philippe Mergen und Yves Melchior, die all die langen Tage der Aufnahme mit viel Ruhe und Freundlichkeit mit uns waren. Wir sind ein gutes Team gewesen, ich habe das sehr genossen. Ein besonderes Highlight war für mich die Filmaufnahme, die uns während der Probenarbeit und auch der Aufnahme begleitete. Es ist spannend, einen kreativen Entwicklungsprozess wie diesen noch einmal mitzuerleben. Danke an Anne Schiltz und Team. Zuletzt möchte ich meinem geschätzten und lieben Freund Peter Hecker danken, den wir als Aufnahmeleiter und Tonmeister gewinnen durften.

Viel Freude Ihnen beim Hören!

Gerlinde Sämann

P.S. Oft dachten und sprachen wir von Helen Buchholtz, während wir arbeiteten. Ich habe mir dann vorgestellt, wie sie bei uns ist, still auf dem Sofa sitzt, eine Tasse Tee in der Hand und sich manches Mal über meine Tempovorstellungen wundert. Doch alles in Allem glaube ich, sie hätte ihre Lieder genossen, und vielleicht tut sie das ja auch. – Dort, wo sie jetzt ist.

1Helen Buchholtz und Lou Koster – Lieder luxemburgischer Komponistinnen. Mady Bonert, Sopran, Claude Weber, Klavier. Luxemburg: CID ǀ Fraen an Gender, 2003.

 

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